Ingolstadt-LA

2. Etappe Ingolstadt-Fürth-Langensendelbach (143,2 km )

Erfreulicherweise weckte uns Silvie Wagner vom KV Ingolstadt morgens mit Kaffee und Semmeln. So konnten wir zumindest für kurze Zeit die Länge der noch vor uns liegenden heutigen Etappe erfolgreich verdrängen. Doch um 9 Uhr 30 war Schluss mit lustig! Wir nahmen Abschied von Ingolstadt und seinen netten Leuten vom Grünen-KV. Bei bereits brütender Hitze bestiegen wir die Bikes und schlichen am Audi-Werk vorbei aus der Stadt hinaus, die Fränkische Alb hinauf, deren Anstiege sich glücklicherweise nicht ganz so dramatisch darstellten, wie sie uns von Cottbuser Cyprioten geschildert wurden.

An diesem Hundstag liefen die Photovoltaikanlagen auf den Häusern und Stallungen der fleißigen Landwirte heiß. Eine besonders charmante Anlage sahen wir auf einem Carport in der Ortschaft Krut, der zum Unterstellen eines großen Bootes diente. Die Hausbesitzerin erklärte uns in Siebenbürger Mundart, dass es sich um das Boot ihres Sohnes handele, der damit die sieben Meere bereise. Welcher Siebenbürger kann es sich leisten in einem großen Boot die sieben Meere zu bereisen? Für uns war der Fall klar – wir hatten soeben mit Mutter Maffay gesprochen.

Die poesiereichen Worte ihres Sohnes brannten sich bei über 30 Grad für den Rest des Tages in unser Bewusstsein („...und es war Sommer“ ).

Nachdem wir bei Kipfenberg den geographischen Mittelpunkt Bayerns (Sachen gibt’s...) passiert hatten, tauchten wir ins Altmühltal ab, um bei Greding unser Projekt „Orte entlang der A9“ weiter voranzutreiben. Seit Einführung der LKW-Maut scheinen auch viele Spediteure dieser Leidenschaft abseits der kostenpflichtigen Bundesautobahn nahe Greding zu frönen, denn das Schwerlasteraufkommen war echt heavy. Doch die vielen idyllischen Bauerngärten in den Orten entlang der A9 voller Blütenpracht, gespickt mit Photovoltaikanlagen entschädigten für manches.

Nun rückten die sportlichen Aspekte ohnehin zusehends in den Vordergrund. Schließlich befanden wir uns auf der offiziellen Radrennstrecke des Ironman-Triathlons von Roth, deren schwierigste Steigung der „Solarer Berg“ darstellt. Da wir hierzu jedoch von unserer Route hätten abweichen müssen, beschlossen wir den „Solarer Berg“ zu umgehen und dafür den Rothsee zu durchschwimmen.

Aus Zeitgründen verzichteten wir aber dann doch darauf, ihn in voller Länge zu durchqueren, nahmen nur ein kurzes Bad und tranken stattdessen lieber ein Weißbier.

Beim Rothsee handelt es sich um ein Nebenprodukt des Main-Donau-Kanals (MDK ).

 

An dieser Stelle sollte ein Mann Erwähnung finden, ohne den wir alle nicht die wären, die wir zu sein glauben: Franz-Josef Strauß (FJS ).

Zu den herausragenden Lebensleistungen von FJS zählen:

  • Schaffung demokratieähnlicher Strukturen in Bayern (=CSU )
  • Ankauf von Lockheed-Kampfflugzeugen für die Bundeswehr (über 100 Abstürze in Freiedenszeiten )
  • Förderung des Mittelstandes (Wienerwald, Merk, Zwick, Schreiber...)
  • Bau des Main-Donau-Kanals (MDK )

Gegen den erbitterten Widerstand uneinsichtiger, von Moskau ferngesteuerter sogenannter Umweltschützer setzte der große Visionär den bahnbrechenden Verkehrsweg von der Nordsee zum Schwarzen Meer durch. Dem MDK kann in seiner Einzigartigkeit höchstens der Transrapid noch das Wasser reichen.

Entlang des MDKs wurden an seinen beiden Ufern geschotterte Radwege angelegt, an denen sich an Sommertagen die heiße, staubige Luft staut.

 

Nun konnte das Martyrium MDK (Main-Donau-Kanal ) beginnen: 50 öde Kilometer auf staubigen Schotterwegen entlang eines fast stehenden Kanals ohne visuelle Reize wie z.B. Schiffsverkehr bei brütender Hitze und leeren Trinkflaschen – keine Rede von Edmund Stoiber kann quälender sein.

Angesichts des nicht vorhandenen Schiffsverkehrs erinnerten wir uns an Dieter Hildebrand, der den Unterschied zwischen dem Hamburger Hafen ("Schiff ahoi!“ ) und dem MDK („hoi, a Schiff!“ ) in einer Scheibenwischer-Ausgabe präsentierte, aus der sich der Bayerische Rundfunk vermutlich ausgeblendet hatte. Groß war die Freude als nach ca. 30 Kilometern tatsächlich ein niederländischer Frachter vor uns auftauchte. In unserer grenzenlosen Euphorie taten wir der fassungslosen Besatzung lautstark musikalisch unsere weiteren Reisepläne kund („ohne Holland fahr’n wir nach Berlin!“).

Im Großraum Nürnberg tat sich plötzlich ein Hinweisschild auf, wonach der Radweg auf der von uns befahrenen rechten Uferseite erst nach 10 Kilometern wieder verlassen werden könne. Da die Strecke an dieser Stelle asphaltiert und unser Weg am MDK noch weit war, beunruhigte uns dies allerdings nicht. Nach 2 Kilometern war der Weg nur noch geschottert, um nach weiteren 1000 Metern in einen wilden Wiesenweg überzugehen, der nach weiteren 500 Metern unbefahrbar wurde. An dieser Stelle nochmals einen herzlichen Dank an die Nürnberger Stadtverwaltung für die präzise Informationsfülle in der Rad-Wegweisung! Wir waren gefangen: zur Linken der MDK, zur Rechten die A73! Da auf dem MDK weniger Verkehr (s.o. ) als auf der A73 herrschte, zogen wir die Variante, den MDK zu durchschwimmen, um an das andere Ufer mit intaktem Schotter-Radweg zu gelangen, zunächst ernsthaft in Erwägung. Doch dann siegte doch unser Wagemut: Wir wuchteten unsere vollbepackten Drahtesel die Böschung auf die A73 hinauf und schoben sie entgegen der Fahrtrichtung eine Auffahrt hinauf, um über eine Brücke ans andere Ufer zu gelangen.

Glücklicherweise erlöste uns Annette Reichstein von der Firma Sunline vor den Toren Fürths vom MDK und lotste uns zum Wasserkraftwerk Förstermühle in der Fürther Innenstadt, wo uns Grünen-Stadträtin Dagmar Orwen im Stadium kompletter Dehydrierung vor dem Verdursten rettete. Nette Antipasti gab’s obendrein. Nochmals: mille grazie!!

Noch in Trance nahmen wir die technischen Eckpunkte der Anlage zur Kenntnis. Dem Lokalreporter der Fürther Nachrichten war’s einerlei: Gnadenlos lichtete er unsere ausgemergelten Leiber vor der Förstermühle ab.

Wie immer bewegten wir uns in einem enggestrickten Zeitraster. Wir verabschiedeten uns von Dagmar Orwen und Waltraud Galaske vom KV Fürth. Sunline-Mitarbeiterin Annette Reichstein leitete uns zum Solarberg Atzenhof, einem von Sunline betreuten Projekt, dessen Geschichte knapp mit den Worten „vom Müllberg zum Energieberg“ wiedergegeben werden kann. Auf der ehemaligen Mülldeponie sind 5760 Solarmodule mit einer Gesamtleistung von 1008 KWp aneinander gereiht und liefern saubere Energie. Zum Zeitpunkt der Errichtung größte Solaranlage Nordbayerns. Außerdem wird dort mit Gasbrunnen Deponiegas gewonnen, welches zur Strom- und Wärmeerzeugung genutzt wird.

Bei Beginn der Dämmerung wuchteten wir uns wieder auf unsere Vehikel, um erneut der Herausforderung MDK und den bei ihm beheimateten Insekten die Stirn zu bieten. Zumindest landschaftlich gestaltete sich die Strecke nun etwas ansprechender und die Temperaturen zeigten sich nun leicht rückläufig. Dennoch hatten die Worte des Siebenbürger Schöngeistes Peter Maffay nicht an Aktualität eingebüßt, denn es war immer noch Sommer.

In Langensendelbach nördlich von Erlangen erwartete uns HPs Bruder Uli bereits mit 2 frisch eingeschenkten Weißbieren und Schwägerin Tanja hatte Unmengen an Spaghetti Bolognese vorbereitet.