Leipzig-Wittenberg

7. Etappe Leipzig-Lutherstadt Wittenberg (107 km )

Es war Sonntagmorgen, wir hatten erstmals in unserem langen Leben mit einem richtigen  Bundestagsabgeordneten gefrühstückt und die Straße nach Berlin rief uns zurück auf den Asphalt.

Da in unserem Kulturkreis Gottesdienste in der Regel am Sonntagmorgen abgehalten werden, war eine Besichtigung der Solaranlage auf der Nikolaikirche kontraindiziert. Also unternahmen wir noch husch-husch eine Stadtrundfahrt auf dem Fahrrad und besichtigten die versteckten Solarmodule der Nikolaikirche eben von außen.

Dank des unermüdlichen Einsatzes selbstloser Gewerkschafter gilt der Sonntag in den meisten Branchen dieses, unseres Landes als arbeitsfreier Tag. Somit war die Besichtigung der Produktionsstätten unseres Projektpartners Q-Cells in Thalheim leider nicht möglich. Als Ersatzprogramm beschlossen wir, den Wörlitzer Schlosspark (Weltkulturerbe) zu besuchen, wodurch sich erneut ein kleiner Umweg auf der Route ergab.

Zunächst jedoch folgten wir noch dem neu eröffneten „Radweg Leipzig-Berlin“, der in weiten Strecken mit der radweit-Route identisch zu sein schien, aus der Stadt hinaus. In Wölkau verließen wir schließlich diesen ohnehin recht sparsam ausgeschilderten Fernradweg, um hinter Löbnitz dem Muldentalweg ein bayrisches „Grüß Gott“ entgegenzuschmettern. Vor dem Muldestausee war wieder mal Peter Maffay angesagt, denn es war Sommer und heiß dazu!

In Pouch, also in der Mitte des Nichts aufgegebener Braunkohlereviere, kündeten schrille Schilder Raik Hofmanns Künstlercafé an. Inmitten einer biederen Bitterfelder Vorortsiedlung zauberte der junge Bursche einen Biergarten mit Südsee-Flair als Basis für seine skurrilen Skulpturen. Solch eine Störung der öffentlichen Ordnung wäre beispielsweise in München-Allach undenkbar. Der Kunst zuliebe tranken wir bei ihm ein Bier, um uns danach wieder der Tour de Soleil hinzugeben.

Nach der Querung der Dübener Heide erreichten wir am späten Nachmittag Wörlitz und seinen Park. Dieser schien dem Nymphenburger Schlosspark nicht unähnlich zu sein, zumindest herrscht auch dort Radfahrverbot, das wir auf Anraten eines Rentnerehepaares aber ebenso missachteten, wie wir dies im Nymphenburger Park zu tun pflegen.

Natürlich war die Zeit ohnehin viel zu knapp bemessen, um ein Weltkulturerbe zu würdigen, wodurch uns die Entscheidung leicht fiel, die letzte verbliebene halbe Stunde in ein Bierchen mit Parkblick zu investieren.

Danach galt es die Elbe zu überqueren, was nahe Coswig nur mittels einer besonderen Fähre, die allein durch die Kraft des Flusses angetrieben wird, möglich ist. Gerne hätten wir auf der Fähre unsere Mitreisenden aus einem Nachbarland mit gelbem Nummernschild musikalisch über unsere weiteren Reisepläne informiert („ohne Holland fahr’n wir nach Berlin“), doch siegte diesmal unser Anstand.

Es begann schon zu dämmern, als wir das andere Elbufer erreicht hatten. Nun mussten wir auf der B187 nochmal ordentlich Gas geben, um noch vor völliger Finsternis die Lutherstadt Wittenberg und unseren Gastgeber Friedbert Morgner zu erreichen.

Dieser hatte geduldig unserer geharrt, um uns in einer kleinen Stadtrundfahrt die Welthauptstadt des Protestantismus zu zeigen. Beim Abendessen im schönen Innenhof des ansässigen Bräuhauses erfuhren wir interessante Hintergründe einer Stadt im Spannungsfeld zwischen Luther und Hartz IV.

Der Abend klang in Friedberts guter Stube bei wohltemperiertem Luther-Bier und Details über die Biodiesel-Anlage in Piesteritz aus.