Lichtenfels-Lobenstein

4. Etappe Lichtenfels-Ebersdorf/Thüringen ( 77,5 km )

Die neuen Bundesländer standen an diesem Tag im Fokus der Weltöffentlichkeit, denn Angie und George W. wollten heute Meck Pomm besuchen und die Tour de Soleil sollte Thüringen erreichen.

Doch das große Orakel der Neuzeit, der Wetterbericht, hatte für den Nachmittag wenig Erquickliches zu vermelden. Über Frankenwald und Thüringer Wald waren für den Nachmittag heftige Schauer und Gewitter vorhergesagt. Für den Vormittag war nochmal Peter Maffay angesagt („...und es war Sommer“ ).

Leider kamen wir wieder etwas später in die Pötte als geplant, womit vom Vormittag nicht mehr viel übrig blieb.

Dennoch war in Lichtenfels noch alles in bester Ordnung, als wir ein letztes Mal am Ortsausgang die Brauerei Wichert („unterstützt die Kleinbrauereien, trink auch zu Hause...“) passierten.

Nach 10 Kilometern auf dem Mainradweg schwenkten wir ein ins schöne Rodachtal, eine tiefschwarze Gegend, in der die lokale SPD ihr Nischendasein dadurch zu überwinden trachtet, indem sie die arglose fränkische Landbevölkerung zum „Säula-Fest“ lockt.

In Kronach verfinsterte sich das Firmament denn doch zusehends, so dass wir von einer Stadtbesichtigung Abstand nahmen, um vor dem erwarteten großen Unwetter noch ein paar Kilometer zu machen, damit wir die Sintflut in einem fränkischen Landgasthof bei Bier und Säula hätten aussitzen können.

In Oberrodach schien es dann soweit zu sein. Wolkenbruchartig schüttete es auf uns hernieder. Verzweifelt schoben wir Räder und Leiber dicht gepresst an die Häuserfront entlang der Hauptstraße unseren Landgasthof mit Bier und Säula suchend. Plötzlich öffnete man uns eine Tür und zwei Mädels (11 und 12 Jahre alt ) boten uns an, hier den Regen abzuwarten. Wir stellten fest, dass wir uns in den Räumlichkeiten einer Fahrschule aufhielten, die dem Vater eines der Mädchen gehörte. Es gab zwar weder Säula noch Bier aber immerhin Kaffee. Als der Regen nachließ und wir uns verabschiedeten, versprachen wir den Mädels für die väterliche Fahrschule noch mächtig die Werbetrommel zu rühren.

Also, lieber Leser aus dem Großraum Rodach!

Ob Dieter, Kevin oder Anke,
in Marktrodach lernt man`s Fahren nur bei Janke
(Info und Anmeldung unter 0160/7303174 o. 09261 93558)

Also setzten wir unsere Reise fort – den Blick stets bang gen Himmel gerichtet. In Zeyern wurde dieser stockdunkel. Mit dem dortigen „Berggasthof“ schienen wir das ideale Lokal zum Unwetter-Aussitzen (waiting for the hurricane ) gefunden zu haben. Auch der Wirt erschien wie eine etwas fülligere Ausgabe von Wetterfrosch Elmar Gunsch - die Älteren unter uns werden sich vielleicht noch erinnern.

Als nach dem zweiten Weißbier aber immer noch kein Donnerschlag sich rührte, fragten wir besorgt bei Elmar Gunsch persönlich nach, wie die augenblickliche Großwetterlage einzuordnen sei. Er gab uns mit sonorer Tonlage den Tipp, einfach weiterzufahren. Gasthöfe wie seinen gebe es noch jede Menge auf fränkischer Seite.

Also fuhren wir weiter. Prompt setzte leichter Nieselregen ein.

Im Nieselregen erklommen wir keuchend die Kammlagen des Frankenwalds, wo sich prompt auch Walters Kniebeschwerden trotz Voltaren resinat bemerkbar machten.

Hinter Nordhalben passierten wir die wolkenummäntelte Landesgrenze zu Thüringen. Obwohl die Natur ihr Bestes gegeben hat, konnte sie sich den Kolonnenweg der NVA am ehemaligen Todesstreifen noch nicht wieder zur Gänze einverleiben, sodass auch hier die blühenden Landschaften noch ein wenig auf sich warten lassen.

Doch die Einheimischen lassen sich von dieser Tristesse nicht anstecken, denn auf der neuen Ausbaustrecke, die auch wir benutzen mussten, finden ständig spannende Autorennen unter den Rennställen SLF, SOK, LBS, GRZ und HBN statt.

Nach dem Schock der grauen Schindel Neundorf zeigte der Thüringer Wald seine landschaftliche Schönheit (Rennsteig), seinen Rohstoffreichtum (permanente Holzlaster-Schwertransporte in beide Fahrtrichtungen) und sein kammartiges Streckenprofil. Dass die Steigungen im Vogtland nicht mehr als 10% aufweisen sollen, können wir nur aus dem Umstand herleiten, dass das Lehren des korrekten Prozentrechnens zu Zeiten der SED-Herrschaft vermutlich unter Strafe stand, um die 99%igen Wahlerfolge bei den Volkskammerwahlen nicht zu gefährden.

Hinsichtlich alternativer Energien setzt man in Thüringen eher auf den Wind als auf die Sonne – eine Entscheidung, die nach unserer ersten Wahrnehmung schlüssig erscheint.

Hinter dem Kurort Lobenstein fanden wir in Ebersdorf Quartier im ersten Haus am Ort, dem Gasthof Krone - immerhin ausgerüstet mit solarer Wärmeversorgung - ,wo wir erste Annäherungsversuche an die Thüringer Küche starteten, von letzterer trotz aller Fleischeslust jedoch bitter enttäuscht wurden. Auch der abendliche Verdauungsspaziergang glich einer Odyssee am Boulevard of broken dreams