Wittenberg-Müggelheim

8. Etappe Lutherstadt Wittenberg-Müggelheim (139,2 km)

 

Angesichts der Länge unserer Tagesetappe hatten wir uns fest vorgenommen, wenigstens dieses eine Mal wirklich zeitig aufzubrechen. Friedberts Frau Iris hatte uns ein opulentes Frühstücksmahl zubereitet, wir hatten schon die Räder bepackt, da wollte HP noch schnell seine mit französischen Ventilen bestückten Reifen aufpumpen.

 

An dieser Stelle muss einmal Grundlegendes hinsichtlich der deutsch-französischen Beziehungen festgehalten werden. Die Franzosen haben im Laufe der Geschichte die Kultur unseres Landes mit vielen wichtigen, sinnvollen, die Lebensqualität steigernden Neuerungen nachhaltig bereichert:

  • Aufklärung
  • Französische Revolution
  • Trennung von Staat und Kirche
  • Savoir vivre
  • Beaujolais und Baguette
  • Der kleine Nick
  • Die Comics von Reiser

Doch die Erfindung des französischen Schlauchventils fällt mit Sicherheit nicht in diese Rubrik, denn nach leidvollen Jahren des Selbstversuchs stellten wir fest, dass diese Scheißteile noch störanfälliger sind als schwedische Atomkraftwerke. Meist geben sie ihren Geist auf beim Versuch den Fahrradschlauch mit Luft zu befüllen, falls der ausgeübte Druck ein wenig zu hoch oder der gewählte Ansatzwinkel der Luftpumpe nicht exakt 90 Grad betragen sollte. Das Aufpumpen eines Drahtesels mit französischen Ventilen stellt einen  handwerklich äußerst komplexen Vorgang dar, den man nicht dem technischen Laien überlassen sollte.

Da HP jedoch nicht nur über ein abgeschlossenes Ingenieursstudium (FH) verfügt, sondern sich seinerzeit sogar zu den Jahrgangsbesten zählen durfte (Erlass von BAFöG-Schulden), wähnte er sich dieser spannenden Herausforderung gewachsen. Es endete jedoch so, wie es meist bei Walter endet, wenn er sich mit französischen Ventilen anlegt: mit einem kaputten Ventil und einem platten Reifen, dessen Schlauch nun komplett gewechselt werden muss. Aus … nennen wir es mal Respekt … vor französischen Ventilen führte Walter glücklicherweise 2 komplette Ersatzschläuche mit, von denen einer nun endlich zeigen konnte, was er so draufhat.

Bis sämtliche Arbeiten vor Friedberts vorzüglich bestückter Werkstatt abgeschlossen waren, stand die Sonne bereits wieder steil am Firmament und Peter Maffay dudelte erneut in unseren Schädeln, denn es war Sommer.

Spät, viel zu spät verließen wir die Lutherstadt Wittenberg, nicht ohne zuvor das Martin-Luther-Gymnasium besichtigt zu haben. Hierbei handelt es sich um einen klassischen DDR-Plattenbau, der nach Plänen Friedensreich Hundertwassers aufgepeppt wurde zu einem typischen Hundertwasser-Haus. Der Künstler verstarb jedoch noch vor der Fertigstellung seines Werkes.

Um nicht ein ähnliches Schicksal zu erleiden, rasten wir in Rekordzeit mit intakten Schläuchen und Ventilen nach Zahna, einem Ort, an dem die Segnungen des Straßenbaus seit der Wende vorbeigegangen zu sein schienen. Die Ortsdurchfahrt bestand aus einer einzigen Kopfsteinpflaster-Hölle(für den Radsportfan: in Anlehnung an einen Frühjahrsklassiker könnte man diese ohne weiteres als Hölle des Ostens” bezeichnen). Eine Panzerstrecke aus Betonplatten, die früher wohl der NVA als Truppenübungsgelände diente, führte aus Zahna hinaus. Ein rhythmisches „Tatam-Tatam“ begleitete uns als Stoßwellentherapie in den Fläming hinein und über allem schwebte Peter Maffay.

Plötzlich hielt vor uns mitten auf der Panzerstrecke ein orangefarbener Kleintransporter des Landkreises Teltow-Fläming. Ein freundlicher Arbeiter stieg aus und meinte: „Seid doch nich’ so doof und fahrt auf der ollen Straße! Da drüben ham wa doch den Fläming-Skate.“

Er gab uns 2 Prospekte über eine neu angelegte Skating-Strecke mit feinstem Asphalt, die die Ortschaften im Landkreis miteinander verbindet und Touristen in die Region locken soll.

Tatsächlich erwies sich das Radfahren auf dem Fläming-Skate bis nach Jüterbog als wesentlich amüsanteres Unterfangen.

Am Marktplatz stärkten wir uns im Gasthof „Der Schmied von Jüterbog“, um danach festzustellen, dass es erstens schon recht spät und zweitens noch recht weit nach Berlin war. Spontan veranstalteten wir ein Mannschaftszeitfahren auf der B101, wodurch wir ruckzuck Luckenwalde erreichten, jenen Ort, dessen Kicker unserer Nationalelf und Philipp Lahms Ellbogen in einem Testspiel vor der WM 2006 wirklich alles abverlangten.

Ein Plakat kündete davon, dass Brian Connolly’s Sweet, die Bravo-Idole unserer Jugend, demnächst in Luckenwalde gastieren sollten. Wie wir inzwischen Wikipedia entnehmen konnten, verstarb Brian Connolly 1997 nach Alkoholproblemen, Herzinfarkt und Nierenversagen.

Apropos Alkoholprobleme: Nach den Zwischenstationen Gottow und Sperenberg legten wir am überaus idyllischen Mellensee eine Bade- und Trinkpause ein. Auf der menschenleeren Terrasse eines nicht uncharmanten See-Restaurants nahmen wir ein „Jarosover“ zu uns. Man soll sich ja auch mal auf was Neues einlassen. In die bierselige Idylle platzte jedoch die Hiobsbotschaft, dass eine Fähre, die wir vor den Toren Berlins über eines der dort zahlreichen Gewässer benutzen wollten, nur bis 18 Uhr verkehre. Dies hatte zur Konsequenz, dass wir einen Umweg von nochmals knapp 20 km machen mussten, um an den südöstlichen Stadtrand Berlins gelangen zu können.

So kamen wir über Zossen und Mittenwalde nach Schenkendorf, wo Schloss Dracula - „ein Stück Siebenbürgen in der Mark“ – steht. Peter Maffay wäre begeistert gewesen.

In Königs Wusterhausen hatte sich die Jugend schon zum Biertrinken auf der Straße eingefunden, als wir bei einsetzender Dämmerung erstmals über eine Brücke den ersten Teil der Wasserlandschaft queren konnten.

In nördlicher Richtung setzten wir unsere Reise fort und mussten aus Zeitmangel eine Ernst-Thälmann-Gedenkstätte am Wegesrand komplett ignorieren. Nach einer weiteren Brücke bei Gosen passierten wir schließlich das Berliner Ortsschild und schlichen zum Vorort Müggelheim, der verkehrsgünstig in der Einflugschneiße des Berliner Großflughafens Schönefeld liegt.

Nach schwieriger Suche nach „Weg P“ auf Sandwegen fanden wir in der Dunkelheit doch noch zu HPs Cousine Sabine und deren Mann Volker, auf deren Terrasse wir uns stärken und diverse Flugzeugtypen ganz aus der Nähe bewundern konnten.